ECHT GRÜN
Die Mariahilfer Alternative

Die Geschichte Mariahilfs

01 Jul

Frühgeschichte

In Mariahilf gab nachweislich schon in der Jungsteinzeit menschliche Siedlungen: Bei Ausgrabungen im Bereich der U-Bahn-Station Gumpendorfer Straße wurden neolithische Siedlungsreste und Steinwerkzeuge gefunden. Zu Ende des dritten vorchristlichen Jahrtausends besiedelten Indogermanen das Wiental, etwa 400 v. Chr. kam es dann zur Einwanderung der Kelten. Zur Römerzeit verlief eine Ausfallstraße vom hinteren Lagerhaupttor Vindobonas teilweise entlang der heutigen Gumpendorfer Straße. Noch bis 1765 stand bei der alten Gumpendorfer Kirche ein alter römischer Wachtturm. Weiters weisen römische Münzfunde auf  eine Siedlung im Bereich Sonnenuhrgasse – Mollardgasse – Aegidikirche hin. Aus der Zeit der Völkerwanderung hingegen stammen langobardische und awarische Gräberfelder.

Die alten Vorstädte
An den Verkehrswegen, die auf alte Römerstraßen zurückgehen, entstanden circa um 1100 die beiden ältesten Siedlungen des Bezirkes, die Laimgrube und Gumpendorf. Die beiden Dörfer lagen etwa einen Kilometer voneinander entfernt, dazwischen lagen die so genannten „Lucken“, schrebergartenähnliche kleine Siedlungen. Diese wurden in der Zeit zwischen den beiden Türkenbelagerungen immer weiter weg von der Stadt verlegt, da der Platz für die Festungsanlagen und das Glacis benötigt wurde.

Der Vorort Laimgrube wurde nach den Gruben benannt, in denen an den Abhängen des Wienflusses Lehm für die Ziegelgewinnung abgebaut wurde. Im Bajuwarischen hießen diese Lehmgruben „Lamgrueben“. Bereits 1370 war hier eine Lehmgrube bekannt. Es entstanden zahlreiche Ziegelhütten, die damals noch von Weingärten umgeben waren. Ein Plan aus dem 16.Jahrhundert zeigt die Gegend durchsetzt mit Wein- und Safrangärten, Ziegelhütten, Gebäuden und Gärten.
Herzog Albrecht II. ließ gemeinsam mit seiner Gemahlin unweit der heutigen Laimgrubenkirche eine Kapelle errichten, die dem Heiligen Theobald und der Heiligen Katharina geweiht war. 1348 gründeten sie ein Versorgungshaus (Spital), das 1354 in ein Kloster der Clarissinen umgewandelt wurde. Solche Spitals- und Klostergründungen erfolgten meistens dort, wo große Fernstraßen das Wiener Stadtgebiet erreichten. So wollte man Reisende noch vor den Toren der Stadt auffangen, um zu verhindern, dass sie möglicherweise  Krankheiten und Seuchen einschleppen. Die Menschen hatten damals vor allem vor der Pest sehr große Angst, weil gegen diese Krankheit kein Heilmittel bekannt war.
Im Jahr 1451 übergab Kaiser Friedrich III. Kloster und Kirche dem Franziskanerorden. Einer der bedeutendsten Männer des Ordens, Johannes von Capistran, kam nach Wien und wirkte hier durch seine berühmten Bußpredigten – die „Capistrankanzel“ an der Außenseite des Stephansdomes erinnert noch heute daran. Mitte des 15. Jahrhunderts wurde bei Sankt Theobald eine Befestigungsanlage mit Torturm errichtet. Diese wurde jedoch samt dem Kloster im Jahre 1529 von den Türken völlig zerstört. Nur der alte Pfarrhof Ecke Mariahilferstraße/Rahlgasse überstand den Türkensturm – bei der zweiten Belagerung 1683 wurde aber auch er schwer beschädigt.
Zu Zeiten Maria Theresias dehnte sich die Vorstadt bis über die Mariahilfer Straße aus – sogar ein Teil des Spittelberges gehörte damals zur Laimgrube. Die Häuser müssen recht groß gewesen sein, denn 1733 zählte die Laimgrube zwar nur 40 Häuser, aber bereits über 6 000 Einwohner.

Der Vorort Gumpendorf entstand circa 1000 nach Christus entlang einer römerzeitlichen Straße (später: Liesinger Weg). Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte in den Jahren 1135/40. Der Name dürfte sich aus der Bezeichnung „Gumpe“ herleiten, was soviel wie „Tümpel“ bedeutet – und derer gab es nach den Überschwemmungen des Wienflusses genügend. Im 15. Jahrhundert kam es zu vermehrten Zuzug – während der ersten Türkenbelagerung 1529 wurde der Ort aber samt dem dazugehörigen Herrschaftssitz, dem Gumpendorfer Schloss, zu Gänze zerstört. Bei der zweiten Belagerung 1683 wurde das Dorf abermals zerstört. 1704 erfolgte dann der Bau des Linienwalls, wodurch Gumpendorf weitgehend vor Überraschungsangriffen gesichert war; aber auch seines natürlichen Westausganges verlustig ging. Weiters hatte die Ortschaft ständig unter den Hochwässern des Wienflusses zu leiden: Ein ganz besonders verheerendes ereignete sich im Jahre 1785.

Im 18. Jahrhundert war der idyllische Vorort eine beliebte Sommerfrische für viele Adelsgeschlechter, die hier ihre Sommersitze und Gärten unterhielten, z.B. die Familien Kaunitz, Ahrenberg und Khevenhüller. 1798 gelangte der Vorort Gumpendorf nach Jahrhunderten wechselnder Herrschaft (unter anderem durch die Familien Capellen, Muschinger, Mollard und Meraviglia sowie durch das oberösterreichische Frauenkloster Pulgarn und das Schottenstift) unter die Verwaltung des Wiener Magistrates, nachdem die Gemeinde Wien Grund und Herrschaft käuflich erworben hatte. Im 19. Jahrhundert erfolgte im Zuge der beginnenden Industrialisierung ein sprunghafter Bevölkerungsanstieg – Gumpendorf wurde neben dem Schottenfeld Mittelpunkt der Wiener Industrie. Im Jahr 1783 existierten erst 165 Häuser mit 4 821 Bewohnern, 1827 verzeichnete man bereits 605 Häuser und 29 478 Einwohner.

Der Vorort Mariahilf entstand aus drei Rieden: „Im Schöff“, „Im Gern“ und „Grüner Scho“ (Grüner Anger). Zwischen 1571 und 1574 wurde gegenüber der Vorstadt Windmühle inmitten der Weinberge das erste Häuschen errichtet. Fast neunzig Jahre lang blieb es das einzige Haus in diesem Gebiet.

In den Weingärten des Bürgerspitals wurde dann im Jahr 1660 von den Barnabiten ein Friedhof mit einer Holzkapelle und einem Mesnerhaus errichtet. In der Kapelle wurde eine Kopie des Passauer Gnadenbilds von Lukas Cranach dem Älteren mit dem Namen „Maria Hilf“ aufgestellt – heute befindet es sich in der Mariahilfer Kirche. Rund um diese Kapelle wurden dann mehrere Häuser gebaut – diese kleine Siedlung war der Ausgangspunkt für die spätere Vorstadt. Schon vor der zweiten Türkenbelagerung war der westliche Teil der Mariahilferstraße verbaut. Hier bestanden schon damals drei Wirtshäuser mit Weinausschank.

Kaum war die Pestepidemie von 1679 halbwegs überwunden, kam auch schon die zweite Türkenbelagerung: Aus strategischen Gründen wurden alle Häuser außerhalb der Stadtmauern in Brand gesteckt – die Weinkeller verwüsteten dann die Türken. Nach erfolgreicher Abwehr der heidnischen Heerscharen dehnte das Domkapitel von St. Stephan seine Grundherrschaft über die Vorstadt durch massive Zukäufe aus, bis es schließlich 1708 – mit Ausnahme des Barnabitenfriedhofes – über ganz Mariahilf verfügte.

So konnte das Gebiet nun einheitlich parzelliert und verbaut werden – und dies geschah in für damalige Zeiten rasantem Tempo – in „Neubau“ wurden innerhalb fünf Jahren über fünfzig Häuser errichtet. Der Umstand, dass durch Mariahilf die Reichspoststraße nach Linz und die Straße nach Schönbrunn führte, trug mit bei zum Aufschwung des Vorortes. Mitte des 18. Jahrhunderts erwarb Fürst Kaunitz hier ein großes Anwesen, das von der Mariahilferstraße bis zum Wienfluss reichte.

Der Vorort Windmühle: Am 23.3.1562 überließ Kaiser Ferdinand I. dem Reichsherold Johann Francolin den „öden Grund“ des in der ersten Türkenbelagerung zerstörten Franziskanerklosters Sankt Theobald mit der Auflage, hier Windmühlen zu errichten. Dieser ließ jedoch nur eine einzige Mühle auf dem Grund der heutigen Capistrangasse 10 bauen, ansonsten verkaufte er Gründe und ließ Mietshäuser bauen, die zum Kern der kleinen Vorstadt wurden.

Im 16. Jahrhundert befand sich hier ein wichtiges Weinbaugebiet: 1573 wurde in 13 von 37 Häusern Wein ausgeschenkt. Offene Baulücken wurden zu Beginn des 17. Jahrhunderts verbaut – damals hatte der Ort schon 40 Häuser. Der letzte Grundherr, Jakob Mägerl, verkaufte den Windmühlengrund um 6 000 Gulden an die Stadt Wien, der fortan auch seine 41 Untertanen unterstanden.

Der Vorort Magdalenengrund gehörte zu den kleinsten Vorstädten Wiens und entwickelte sich auch relativ spät – erst um 1700 entstand dieser zwischen Gumpendorf und der Laimgrube gelegene Bezirksteil. Er lag an einer steilen Anhöhe des Wienufers, deshalb waren die Häuser in den Hang gebaut und bildeten finstere, winkelige Gässchen. Zuerst hieß er „Im Saugraben an der Wien auf der Gstätten“, wurde aber bald vom Volksmund „Ratzenstadl“ getauft.

Ratzenstadl

Der Name „Magdalenengrund“ leitete sich von der am Stephansplatz gelegenen Maria-Magdalena-Kapelle ab, deren Bruderschaft damals Grundeigentümer dieses Gebietes war. Die Umrisse der ehemaligen Kapelle sind heute durch eine mehrfärbige Pflasterung am Stephansplatz markiert. Durch Grundstücksspekulation in kleinem Rahmen kam es zu einer äußerst engen Verbauung des Gebietes, das noch dazu von Ungeziefer und Wassermangel geplagt wurde. Während sich unten am Ufer des Wienflusses Obst-, Blumen- und Gemüsekulturen mit gastlichen „Salettln“ ausbreiteten, herrschte in den verwinkelten Treppenanlagen des „Kaunitzbergls“ oft das nackte Elend.

1799 erwarb die Stadtgemeinde Wien den Magdalenengrund vom Religionsfonds, 1832 zählte er bereits 1 240 Einwohner. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde mit der systematischen „Regulierung“ des engen Viertels begonnen. Der letzte Rest des alten Baubestandes fiel schließlich einer nach dem zweiten Weltkrieg durchgeführten Sanierung zum Opfer.

Der neue Bezirk

Am 6. März 1850 wurde durch eine kaiserliche Entschließung die völlige Einbeziehung der Vorstädte zu Wien rechtskräftig: Durch Zusammenschluss der Vorstädte Gumpendorf, Laimgrube, Windmühle, Mariahilf und Magdalenengrund entstand ein neuer Bezirk mit dem Namen „Mariahilf“. Die alten Vorstädte hatten damals durch ihr immer stärkeres Zusammenwachsen bereits ihren ländlichen Charakter verloren – aus mehreren von einander getrennten Dörfern war ein geschlossenes städtisches Viertel entstanden.

Durch die Eingemeindung der Vorstädte vergrößerte sich das Gebiet der Residenzstadt Wien auf acht Bezirke – Mariahilf war damals der fünfte Bezirk. 1861 wurde dann aber der Bezirk Wieden geteilt, der Bezirk Margareten entstand und infolge der Nummerierungsverschiebung ist Mariahilf seither der 6. Wiener Gemeindebezirk. Mariahilf verlor allerdings einen beträchtlichen Teil der alten Vorstädte Laimgrube und Mariahilf (mit fast 8 000 Einwohnern) an den 7. Bezirk Neubau, da die Mariahilferstraße zur Bezirksgrenze erklärt worden war.

Im Jahr 1862 standen auf dem Gebiet des 6. Bezirkes mit einer Fläche von 137 ha insgesamt 1052 Häuser, die Bevölkerungszahl betrug im Jahr 1869 genau 66 391 Einwohner. 1892 wurde die Bezirksgrenze bis zum Gürtel hinaus gerückt, dadurch wurde die Grundfläche Mariahilfs auf 145 ha vergrößert.

Im Zuge der weiteren Entwicklung des Bezirkes erhöhte sich dann zwar die Zahl der Häuser (1910 waren es 1163), die Bevölkerungszahl nahm jedoch stetig ab: Hatte Mariahilf 1910 noch 64 218 Einwohner, so waren es 1934 nur mehr 49 785. Nach dem zweiten Weltkrieg setzte sich diese Tendenz weiter fort: 1961 gab es noch 41 216 Mariahilfer, 1971 nur mehr 33 535 und 1981 schließlich 28 771. Mittlerweile steigt die Zahl der Bezirksbewohner aber wieder leicht an: Derzeit sind es 30 298.

In den ersten Jahrzehnten des neuen Bezirkes fungierte das alte Gemeindehaus als Sitz der Mariahilfer Bezirksvertretung. Im Jahr 1889 wurde dann aber die Errichtung eines neuen größeren Amtshauses beschlossen. Dieses wurde auf dem Areal der ehemaligen fürstlichen Esterházyschen Besitzungen in der Amerlingstraße 11 errichtet und im August 1891 eröffnet. Nach insgesamt 19 männlichen Bezirksvorstehern wurde im März 2001 Renate Kaufmann zur ersten Bezirksvorsteherin von Mariahilf gewählt.

Das Mariahilfer Bezirkswappen
vereint die Wappen der fünf Vorstädte, die zum 6. Bezirk vereinigt wurden:
Laimgrube (links oben): Es zeigt in Gold auf grünem Boden die Figur des Hl. Theobald im braunen Mönchsgewand. Links ein Altar mit Kruzifix, rechts eine rot gedeckte Kirche.

Windmühle (rechts oben): In Silber auf grünem Boden zeigt es den Hl. Theobald im Bischofsornat, links von ihm eine rot gedeckte Kirche

Magdalenengrund (links unten): Vor silbernem Hintergrund kniet die Hl. Maria Magdalena im blauen Mantel unter dem Gekreuzigten zu ihrer Linken

Gumpendorf (rechts unten): Auf schwarzem Untergrund und einer eingebogenen goldenen Spitze zeigt es drei Lilien in gewechselten Farben: Es ist dies das Wappen der Familie Muschinger, welche im 16. Jahrhundert die Herrschaft Gumpendorfs innehatte.

Mariahilf (Mittelschild): In Blau auf wogendem Gewässer zeigt es ein braunes Schiff mit silbernem Segel, am Heck die Doppeladler-Fahne, an Deck die Figur des Don Juan d’Austria in goldener Rüstung, ein goldenes Schwert in der Rechten. Er soll seinen Sieg über die Türken in der Seeschlacht bei Lepanto der Hilfe der Hl. Maria verdanken.


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