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Die Mariahilfer Alternative

Der Flakturm

01 Jul

Seit ihrer Erbauung prägen die Flaktürme das Stadtbild Wiens: Ohne ersichtliche Funktion stellen sie durch ihre Unzerstörbarkeit ein ewiges Mahnmal der Geschichte dar. Nazi-Deutschland hatte im zweiten Weltkrieg mit Luftangriffen auf Städte begonnen. Als dann die deutsche Luftwaffe im Jahr 1942 in der Luftschlacht um England empfindlich geschwächt worden war, setzten Revanche-Angriffe britischer und amerikanischer Flugzeuge ein. Die deutsche Luftabwehr erwies sich gegenüber diesen massiven Angriffen als zu schwach, deshalb sollten zentral gelegene Flaktürme (Flak ist die Abkürzung für Flieger-Abwehr- Kanone) Unterstützung bieten. Der erste Bau dieser Art wurde im August 1942 in Berlin fertig gestellt.
Im September erhielt der Gauleiter und Reichsstatthalter von Wien, Baldur von Schirach, von Adolf Hitler den Befehl, auch im Zentrum von Wien Flaktürme errichten zu lassen. Mit der Arbeit beauftragt wurde eine Arbeitsgemeinschaft von Stadtbauamt, Wehrmacht, Reichsarbeitsdienst und jenen Berliner Baufirmen, die den ersten Flakturm gebaut hatten.
In Wien wurden drei Paare von Flaktürmen errichtet. Jedes dieser Paare besteht aus einem Feuerleitturm und einem Geschützturm. Zwei Türme befinden sich im Augarten, zwei im Arenbergpark, einer in der Stiftkaserne (Geschützturm) und einer im Esterhazypark (Leitturm). Im 21. Bezirk befindet sich ebenfalls ein Bauwerk, das einem Flakturm von der Bauweise sehr ähnlich ist,  aber nie fertig gestellt wurde.
Die sechs Gefechts- und Feuerleittürme Wiens sind alle unterschiedlich hoch gebaut, was den Vorteil hatte, dass sich trotz des unterschiedlichen Bodenniveaus die obersten Plattformen aller Türme auf einer Ebene befanden und somit ein Austausch der Messwerte zwischen allen Türmen möglich war. Weiters stehen die drei Flakturmpaare in einem Dreieck zueinander, dadurch waren gute Schussüberdeckung und Sichtverbindung gewährleistet.
Das Zentrum dieses Dreiecks liegt im Bereich Stephansdom. Aufgrund der weiten Schussleistung und der Luftraumbeobachtungsmöglichkeiten konnten die Türme in den inneren Bezirken von Wien bereits dann eingreifen, wenn die äußeren Flakstellungen rund um Wien überflogen wurden. Die Schussreichweite soll im Süden von Wien bis nach Mödling/Laxenburg gereicht haben. Generell lag die Einsatzschutzweite bei rund 20 km.
Grundlegend unterscheidet man zwischen drei Baugenerationen von Flaktürmen. Viele bautechnische Erfahrungen wurden von Flakturmbauten aus Deutschland übernommen. Türme vom Typ 1, die in Deutschland gebaut wurden, sehen von außen ihrer vielen Fenster wegen eher aus wie überdimensionierte Kasernenbauten. In Österreich wurde bereits der verbesserte Typ 2 (Arenbergpark) gebaut; in späterer Folge Typ 3 (Esterhazypark/ Stiftskaserne und Augarten).
Generell wurden die Flaktürme sehr widerstandsfähig errichtet (Betonbauweise mit Stahlarmierungen). Die Bauweise war als selbsttragende Konstruktion ausgelegt. Die obere Decke z.B. hatte eine Stärke von rund 3,5m Beton; die Außenwände rund 2m Beton. Die Bewaffnung bestand aus verschiedenen Flakgeschützen; auf den Geschütztürmen wurden hauptsächlich 10,5cm und 12,8cm Geschütze eingesetzt.
Die Notwendigkeit, eine bauliche Trennung in Feuerleitturm und Geschützturm vorzunehmen, ergab sich aus waffentechnischen Gründen: Bei der engen Anordnung der vier Flakgeschütze wäre ein Feuerleitstand inmitten der vier Geschütze bei der Schussabgabe einer derart großen Sichtbehinderung ausgesetzt gewesen, dass er seine Aufgaben nur sehr schlecht hätte wahrnehmen können. Deshalb befanden sich die Scheinwerfer zur Erfassung der Flugzeuge und die Messgeräte, deren Daten die Geschütze lenkten, auf einem eigenen Leitturm.
Jeder Turm hatte elektrische Aufzüge, eine eigene Strom- und Trinkwasserversorgung, Belüftungseinrichtungen, Heizung, Mannschafts- und Büroräume, Wasch- und Sanitär-Anlagen, eine Krankenstation mit Operationsraum, Munitionslager und Werkstätten. Die Türme waren ursprünglich auch als Luftschutzbunker für die Bevölkerung geplant – bis zu 40 000 Menschen hätten in den sechs Türmen Platz finden sollen. Allerdings wurden Teile dieser Räumlichkeiten bald für die Bevölkerung gesperrt: Ausgestattet mit besserem Mobiliar und Lebensmittelvorräten waren sie für die Nazibonzen reserviert.
Die Besatzung eines Flakturmes bestand aus 250 Personen, 40 davon waren Frauen. Neben den regulären Flak-Soldaten gab es Luftwaffenhelferinnen, jugendliche Helfer aus den 5. und 6. Klassen der Gymnasien, Mitglieder des Reichsarbeitsdienstes, eine Krankenschwester und einen Arzt. Im Flakturm Arenbergpark befand sich außerdem eine Sonderstelle des Gaupropaganda-Amtes, die im Bedarfsfall während eines Luftangriffes Rundfunksendungen ausstrahlen konnte.
Baubeginn des Gefechtsturmes in der Stiftskaserne war im Herbst 1943, dieser Turm wurde im Juli 1944 fertig gestellt. Die Bewaffnung bestand aus 4 Stück 12,8cm Zwillingsflak. Die Bauhöhe beträgt 45m, der Turm beherbergt neben einem Rohrkeller und dem Erdgeschoß 9 Obergeschoße. Gleich wie beim Turm im Augarten hat dieser in der Mitte ein Hauptstiegenhaus. Anders als bei den Gefechtstürmen der vorherigen Bautypen war die Bauform 16-eckig. Die Außenwände haben eine Mauerstärke von rund 2,5m, das Dach eine Stärke von 3,5m.
Die Munitionskammern befinden sich bei dieser Bautype nicht mehr im Erdgeschoß sondern im obersten Stockwerk, der Weitertransport zu den Geschützständen erfolgte mittels Aufzügen. Die Geschützstellungen auf der obersten Plattform waren so eng nebeneinander gebaut, dass die einzelnen Stellungen nun mit eigenen Panzerkuppeln vor Splittern und dem Mündungsfeuer der anderen Stellungen geschützt waren. Heute wird der Gefechtsturm in der Stiftskaserne vom Österreichischen Bundesheer genutzt.
Der Leitturm im Esterházypark hingegen erscheint schlanker, ist rechteckig und hat auf der unteren Plattform an jeder Ecke einen offenen Geschützstand für die leichte Flak. Die Abmessungen betragen rund 31m x 15m, die Bauhöhe rund 47m. Die Mauerstärke beträgt rund 2,5m, das Dach ist rund 3,5m stark. Neben einem Rohrkeller und dem Erdgeschoß hat dieser Turm 10 Stockwerke. Im Erdgeschoß befanden sich die Zugänge für die Zivilbevölkerung und auf der gegenüberliegenden Seite der Zugang für das Bedienungspersonal. In den Stockwerken 1, 2 und 3 befanden sich die Luftschutzräume.
Den Berichten des Wehrkreiskommandos Wien ist zu entnehmen, dass die Flaktürme bei weitem nicht die erhoffte Schwächung der Angreifer bewirkten: Die Zahl der Abschüsse war nur gering. Wirksamen Widerstand leisteten die Betonmonster allerdings nach dem Krieg gegen ihre Zerstörung: Die versuchte Sprengung des Gefechtsturmes im Augarten ließ zwar sämtliche Fenster der näheren Umgebung bersten, am Turm selbst entstand aber nur geringer Schaden. Und trotz zahlreicher hochfliegender Pläne hat bislang nur der Flakturm im Esterházypark als „Haus des Meeres“ eine sinnvolle Verwendung gefunden.


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