ECHT GRÜN
Die Mariahilfer Alternative

Mariahilf – Wiege der Arbeiterbewegung

03 Jul

Die große Anzahl von Fabriken und Gewerbetreibenden im Bezirk stand in maßgeblichem Zusammenhang mit den politischen Ereignissen um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die sozialen Verhältnisse unter dem absolutistischen Regime waren unhaltbar geworden und die Wiener Arbeiter begannen um ihre Rechte zu kämpfen. Bereits vor Beginn der Märzrevolution 1848 brachten sie als rechtlose und unterdrückte Klasse ihre Unzufriedenheit mit den katastrophalen Lebensverhältnissen zum Ausdruck.

Die Arbeiterschaft des Fabriksviertels Gumpendorf war schon lange mit den niedrigen Löhnen, den hohen Steuern und der elenden sozialen Lage unzufrieden gewesen. Am 10. und 11. März 1848 fanden in Gumpendorf und Gaudenzdorf Arbeiterversammlungen statt. Während der Zusammenkünfte fielen heftige Worte gegen die Regierung, die Fabrikanten und die politischen Vorrechte der privilegierten adeligen Oberschicht. Es war bereits abzusehen, dass sich die Arbeiter an Protestaktionen aktiv beteiligen würden.
In der Nacht vom 13. auf den 14. März stürmten die Arbeiter die Fabriken Gumpendorfs und plünderten sie. Ihr Zorn richtete sich vor allem gegen das Verzehrungssteueramt: Die Verzehrungssteuer war eine indirekte Steuer, die vor allem auf Lebensmittel aufgeschlagen wurde; sie war 1829 eingeführt worden und belastete ganz besonders die Arbeiter. Eines dieser entlang des Linienwalls gelegenen Ämter befand sich an der Mariahilfer Linie. Das wütende Volk steckte dieses Gebäude in Brand und die darin befindlichen Beamten mussten schleunigst die Flucht ergreifen, um nicht in den Flammen umzukommen.

Die Märzrevolution 1848 hatte eine demokratische Verfassung zum Ziel. Die neue Verfassung sollte unter anderem Pressefreiheit und das Recht, Vereine zu gründen, gewähren. Die Aufstände führten zwar zum Sturz des Staatskanzlers Metternich und seines Systems, das dem Volk fast keine Rechte gelassen hatte, doch für die Arbeiterschaft war die Revolution kein Erfolg: Ihre soziale Not, die niedrigen Löhne und die schlechten, ungesunden Arbeits- und Wohnverhältnisse blieben unverändert.

Am 6. Oktober 1848 fanden vor der Kaserne in Gumpendorf Demonstrationen statt: Arbeiter, Nationalgarde und Akademische Legion versuchten, den Abmarsch von kaiserlichen Soldaten zur Niederschlagung der Aufstände in Ungarn zu verhindern. Ein Teil der Soldaten verweigerte ohnehin den Gehorsam. Es kam zu folgenschweren Zusammenstößen zwischen den Garden, Arbeitern und Studenten auf der einen und den übrigen kaiserlichen Truppen auf der anderen Seite. So wurde die Gumpendorfer Kaserne zu Beginn der Oktoberrevolution zu einem historisch wichtigen Schauplatz.
Der Aufstand der Wiener Arbeiter im Oktober 1848 wurde schließlich mit militärischer Gewalt niedergeschlagen und die Vorstädte Gumpendorf, Mariahilf und Wieden wurden von Fünfhaus und Hernals aus beschossen. Dieser Sieg der kaiserlichen Armee bedeutete das vorläufige Ende der politischen Emanzipationsbewegung der Arbeiter.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstärkte sich die Solidarität unter der Arbeiterschaft als Folge der neoabsolutistischen Ära des Nachmärz. Nicht zuletzt machten die militärischen Niederlagen des Absolutismus in den Kriegen von 1859 und 1866 den Boden für die Aufnahme sozialistischer Gedanken locker. In den 70er-Jahren verschärfte das stagnierende Wirtschaftswachstum den Konflikt noch zusätzlich.

Der erste Arbeiterverein war ein Fortbildungsverein für Buchdrucker in Wien (gegründet 1863). Dieser wurde von der Behörde bald wieder aufgelöst. Je härter die Repression, desto lauter wurden die Forderungen nach Koalitionsfreiheit, Versammlungsfreiheit und das Verlangen nach einem allgemeinen gleichen und direkten Wahlrecht. 1865 wurden von den Arbeitern wiederholt Versuche unternommen, einen Arbeiter-Fortbildungsverein zu gründen, doch die Behörden wiesen die Ansuchen stets zurück.

Am 15. November 1867 schließlich ermöglichte das Vereins- und Versammlungsrecht, als Teil des lang ersehnten Staatsgrundgesetzes, die Gründung des Wiener Arbeiter-Bildungsvereines. Mit Erlass vom 18.11.1867 genehmigte das Ministerium die Statuten des Arbeiter-Bildungsvereines Gumpendorf, allerdings unter der Bedingung gewisser Abänderungen: So wurde gefordert, dass Politik und Religion von den Besprechungen ausgeschlossen werden müssten. Zwar betätigte sich dieser Verein zunächst tatsächlich auf dem Gebiet des Unterrichts in Realfächern und Sprachen, doch zeigte sich, dass er darüber hinaus von den Mitgliedern als die Basis für eine Interessensvertretung in sehr wohl politischer Hinsicht angesehen wurde.

Der Arbeiter-Bildungsverein Gumpendorf hatte in der Mariahilfer Straße 25 sein erstes Vereinslokal. Von der Gründung am 15.12.1867 bis zum Mai 1868 fanden hier die Zusammenkünfte statt. Dann übersiedelte der Verein in die Magdalenenstraße 104 (heute 32). Bereits am 6. Jänner 1868 beschloss der Verein die Gründung einer „Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Invaliden-Kasse“ und begann am 6. Juni mit den Einschreibungen. Bald schon wuchs die Kasse zu einer solchen Größe an, dass sie nicht mehr im Rahmen des Bildungsvereines verwaltet werden konnte. 1871 trennte sie sich vom Verein und wurde eine selbständige Einrichtung – 1878 bezog sie ein eigenes Gebäude in der Gumpendorfer Straße 62.

Trotz der eher friedlichen und gemäßigten Tätigkeit des Arbeiter-Bildungsvereins wurde er durch Bespitzelung und willkürliche Eingriffe seitens der Staatsgewalt stets bedroht. Nach der ersten größeren Machtdemonstration der österreichischen Arbeiter am 13. Dezember 1869, bei der für das Koalitions- und Wahlrecht gekämpft wurde, verhaftete die Obrigkeit 14 Arbeiterführer, der Arbeiterbildungsverein wurde aufgelöst. Die Leiter des Vereines reichten sofort einen neuen Entwurf ein, der jedoch aus nichtigen Gründen zurückgewiesen wurde – erst ein dritter Versuch war erfolgreich. Trotzdem gab es laufend Schwierigkeiten mit den Behörden: Jeder Vereinsabend, jede Monatsversammlung und jedes Fest wurden von der Polizei scharf überwacht.

Nach einer weiteren Auflösung und Rekonstituierung im Jahr 1876 konzentrierten sich die Vereinsaktivitäten im Wesentlichen auf Unterricht und Arbeiterfortbildung. 1878 engagierte sich der Bildungsverein für Verbesserungen im Schulwesen: Da die Schulausbildung unzulänglich war, forderte er eine radikale Reform der Volksschule. Er unterstützte auch die Forderung der Arbeiter nach Beseitigung der Kinderarbeit, denn „es ist Pflicht des Staates, die Kinderarbeit zu beseitigen, die der Volksbildung im Wege steht“ (Resolution vom 15.4.1878).

Innerhalb der Arbeiterbewegung kam es zu einer Spaltung in „Radikale“ und „Gemäßigte“. Der Bildungsverein stand auf der Seite der Radikalen. Am 31. Jänner 1884 wurde wegen vorangegangener Unruhen der Ausnahmezustand in Teilen Wiens und Niederösterreichs verhängt – viele Verhaftungen folgten. Unter ihnen befand sich auch der größte Teil des Ausschusses des Arbeiter-Bildungsvereines. Dieser beendete am 3. Februar 1884 seine Tätigkeit, um einer behördlichen Auflösung und der Beschlagnahme des Vereinsvermögens zuvor zu kommen. Erst nach zweijähriger Ruhe eröffnete der Verein am 23.11.1985 seine Tätigkeit zum vierten Mal.

Nach einigen Jahren der Zersplitterung fanden die verschiedenen Gruppen der Arbeiterbewegung angesichts des drohenden „Sozialistengesetzes“ wieder zusammen. Die Anstrengungen Viktor Adlers zur Schaffung einer einheitlichen Arbeiterpartei wurden am 31. Dezember 1888 in Hainfeld belohnt. Der Zusammenschluss in der sozialdemokratischen Partei bot den Arbeitern den nötigen Rückhalt, sich aus der Bevormundung durch die Bourgeoisie zu lösen.

Geebnet war damit auch der Weg für die Arbeitersportler. 1892 leitete Emil Renelt den ersten regelmäßigen Turnbetrieb des Arbeiterbildungsvereines Gumpendorf. Hans Gastgeb beschreibt in seinem Buch „Vom Wirtshaus zum Stadion“ die „Wiege des Arbeitersports in Gumpendorf“ folgendermaßen: „Die Gumpendorfer Bierhalle war das erste Lokal, in dem sich unter der Führung von Emil Renelt jene Sozialisten zusammenfanden, die die Turnerriege des Arbeiter-Bildungsvereines gebildet hatte. In der Gumpendorferstraße 91 war Wilhelm Bierings Bierhalle, geführt von seiner Gattin Antonia Biering. Hinter dem Schanklokal befand sich ein niedriger Saal, in dem sich einige Arbeiter zusammenfanden, um das Turnen unter der Arbeiterschaft zu pflegen und zu fördern. Im Sommer wurde im Garten geturnt. … Geräte waren nur wenige vorhanden, und das Turnen in dem verhältnismäßig kleinen, niedrigen Saal war ein erster Beginn.“

Im Jahr 1892 musste sich der Arbeiterbildungsverein Gumpendorf damit begnügen, nur mehr einer von 27 in Wien und Umgebung zu sein. Allerdings war er der älteste und historisch bedeutungsvollste von allen – und auch der größte und reichste Bildungsverein. Die später gegründeten übernahmen seine Konzepte und Unterrichtsmuster. Der Verein hatte zwar seine dominierende Stellung als Zentralstelle für ganz Wien verloren – seine große historische Bedeutung ist jedoch unvergessen.


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