ECHT GRÜN
Die Mariahilfer Alternative

Von Sandlern und Bobos

12 Jul

oder
Die merkwürdige Metamorphose eines Grünen Musterprojekts

Der allerneueste Coup der Gruppe um Susanne Jerusalem: Eine „Grünoase am Garagendach“. Für alle MariahilferInnen? Ob 200 Liegestühle für die rund 30.000 BezirksbewohnerInnen ausreichen, ist nicht einmal fraglich. Dass die Idee nicht ganz ausgegoren ist, zeigt aber bereits ihre textliche Präsentation:

Wir wollen das Projekt „Grünoase am Garagendach“ verwandelt ein ungenütztes Garagen-Flachdach in der Windmühlgasse in eine Grünoase für die MariahilferInnen. Mit Beachvolleyball, Gemüsebeeten, Spielgeräten, einem kleinen Café, Kinderplanschbecken und 200 Liegestühlen für Afterwork. W-Lan inbegriffen. Und vor allem jede Menge grüne Wiese und Bäume. (http://wien.gruene.at/wirgestaltenwien/projekt6)

Die Angelegenheit hat aber eine kleine Vorgeschichte: Es war einmal ein Puzzlestein-Projekt, das von den Wiener Grünen Anfang 2010 ins Leben gerufen worden war. Jeder Bezirk der Stadt sollte ein möglichst prestigeträchtiges, typisch Grünes Projekt ausarbeiten. Diese 23 Projekte sollten einen Eindruck davon geben, wie ein Grünes Wien aussehen könnte.

Waren die einzelnen Bezirksgruppen selbst kreativ genug, sich ein hübsches Projekt auszudenken, durften sie sich an die Verwirklichung desselben machen. Weniger einfallsreichen Bezirken wurden Projekte zugewiesen, um deren Umsetzung sie sich zu kümmern hatten.

Mariahilf war einer jener Bezirke, der auf keine rathäusliche Idee angewiesen war, denn wir hatten im Sommer 2009 bereits einen Ideenklau der anderen Art betrieben: Im niederländischen Utrecht – so erfuhren wir – wurden Menschen ohne Obdach zu In-der-Stadt-HerumführerInnen ausgebildet. Die urbane Idee, mittels Reintegration gestrandeter Existenzen die Stadt neu kennenzulernen und eine horizonterweiternde Perspektive zu gewinnen, hat in Utrecht zu einer Senkung der Obdachlosenzahl um sensationelle 80 Prozent geführt.

Das an sozialen Einrichtungen reiche Mariahilf schien uns der geeignete Ort, das Utrechter Projekt auch in Wien umzusetzen. Und bis vor wenigen Monaten noch durften wir uns der vollen Unterstützung durch die Rathaus-Grünen sicher sein. Damals – wir sprechen vom Mai dieses Jahres – hieß das Mariahilfer Vorzeigeprojekt noch Obdachlose als FremdenführerInnen, und wurde – vorläufig grünintern – folgendermaßen skizziert:

Niemand kennt die Stadt so genau, wie jene Menschen die 24 Stunden draußen auf der Straße leben.Bei dieser Stadtführung werden zu gewöhnliche Orten ungewöhnliche Geschichten erzählt. Neben den historischen Sehenswürdigkeiten, gibt es die Möglichkeit, an Plätze zu kommen die in keinem Reiseführer stehen. Ziel des Projektes ist die Reintegration von Obdachlosen in den Arbeitsmarkt.  (Dieser Text wurde mittlerweile von sämtlichen Grünen Seiten entfernt)

Doch mit der personellen „Umstrukturierung“ unserer Bezirksgruppe durch Jerusalem&Co ging auch eine versch(r)obene thematische Akzentuierung einher – bestes Beispiel ist das nun (vorerst) verhinderte Obdachlosenprojekt, das sehr schnell und ohne viel Aufhebens gegen die Grünoase am Garagendach ausgetauscht wurde. Ein Restposten der rathäuslichen Ideenbörse?

Wer steht jetzt im Zentrum Grün-Alternativer Bemühungen?

Gegen den Versuch, Mariahilf zu begrünen, ist angesichts des dicht verbauten Gebietes nichts einzuwenden – ganz im Gegenteil. Dennoch ist der Rückzug auf die Bezirksdächer als eher defensive „Maßnahme“ zu werten, wenn wir bedenken, dass dies keinerlei Einschnitte für den zunehmend stärker werdenden Verkehr einige Etagen tiefer bedeutet: Dieser steht einer wirklichen Begrünung des Bezirks (und nicht bloß seiner Dächer) seit langem im Weg.

Sehen wir vom grundsätzlichen Problem dieser symptomatischen statt strukturellen Problembehebung ab, bleibt noch die Frage, für wen die „Grünoase am Garagendach“ eigentlich gedacht ist? Der bobokonforme Hinweis auf W-LAN-akkompagniertes Afterwork am Garagendach scheint auf exklusives Publikum zu verweisen. Genauso wie die durchaus überschaubare Anzahl von Liegestühlen. Beides jedenfalls lässt an einer echten öffentlichen Nutzung des abgehobenen Pseudoparks Zweifel aufkommen.

Judith Zach


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