ECHT GRÜN
Die Mariahilfer Alternative

Ein „grüner“ Hügel statt dem weltberühmten Wiener Flohmarkt?

08 Jul

Ein „grüner“ Hügel statt dem weltberühmten Wiener Flohmarkt?

Wie die Bezirkszeitung berichtet, schlagen die beiden Architekturstudenten Matthias Gotter und Klemens Sitzmann eine Begrünung des derzeitigen Flohmarkt-Areals vor. „Grün statt Beton“ klingt immer gut. Susanne Jerusalem ist fröhlich begeistert.

Ein bisschen mehr Recherche hätte den Dreien doch wohl angestanden:

1. Der Flohmarkt-Parkplatz ist nicht betoniert, sondern asphaltiert. In den Asphalt eingelassen sind auf grünen Wunsch aus meiner Amtszeit Stromauslässe, welche sowohl dem Flohmarkt selbst als auch allen anderen kulturellen Veranstaltungen im Falle zu Gute kommen (Jüngstes Beispiel: Das „Pride Village“ zur heurigen Regenbogenparade). Dass dieses Areal zu wenig bespielt ist, liegt nicht zuletzt an der Einfallslosigkeit der neubestellten Grünen in Mariahilf.

2. Die meisten Fraktionen waren sich nach zahlreichen Invektiven gegen den weltberühmten Wiener Flohmarkt (BV Kurt Pint) und einer vielbeachteten KünstlerInnen-Initiative für diesen zu Ende der 80er Jahre (Hundertwasser, Feuerstein, Schrage, Peichl, Köck,…) einig, dass der Flohmarkt organisatorisch/infrastrukturmäßig aufgewertet und nicht abgesiedelt gehört – vgl. das Konzept von Magic Christian. Die kulturelle Aufwertung sollte sich danach in Anbetracht der vereinfachten Zugänglichkeit durch Bespielung während der Woche von selbst ergeben. Zahlreiche Vorschläge inklusive Baumreihe und Erhaltung der Aufteilung zwischen professionellen HändlerInnen und Tagesständen wurden zwischenzeitlich dauerhaft verwirklicht.

3. Dass sowas etwas dauert, ist in Wien halt endemisch. Dass die Zukunft des gesamten Naschmarktes auch nach seiner Renovierung – und die wird noch fünf Jahre dauern – erst wieder in seiner kulturellen Bespielung bestehen wird, ist evident. Umso seltsamer mutet es an, dass ein großer und wenigstens tageweise lebendiger Bereich einfach mit einem Hügel zugeschüttet werden soll. Bei frisch gefangenen Grünen dauert es halt auch länger, bis sie Geschichte lernen.

4. Das Projekt erinnert stark an ein von der SP dazumal eingebrachtes Garagenprojekt (Garage auf dem gesamten Areal, Flohmarkt oben drauf oder auch nicht), nur ist es hübscher gezeichnet. Dieses Projekt landete damals aus Denkmalschutz-Gründen wieder in den Schubladen, da die gesamte historische Häuserfront im 6. Bezirk sichtbar bleiben muss. Wenn in dem Hügel eine Garage untergebracht wird, kann sich an der Höhe natürlich nichts geändert haben. Die Zeichnung ist jedoch offensichtlich ein Fake: Wie wollen die Autos aus dem Vordergrund sich da hineinpressen, wenn das Ganze nicht mindestens 2 Stockwerke (8 Meter) hoch wird? Wo sind die (Beton-)Geländer, damit die FußgeherInnen nicht hinunter purzeln?

5. Beim Areal des weltberühmten Wiener Flohmarktes, bei dem wir dazumal um jeden Millimeter gekämpft haben, um die grüngeforderte Baumreihe zugleich mit der Anzahl der Marktstände zu erhalten, wird sich das bei einer begehbaren Steigung für den grünen Hügel auf beiden Seiten mit jeweils 16 Meter weniger nicht mehr ausgehen. Dann sind endlich die Tagesstände („Zigeuner“) weg und das Ganze präsentiert sich als Spazierweg mit zwei teuren Würstelständen und zwei Antiquitätenständen. Bei der zu erwartenden gesteigerten Windbelästigung werden sich die HändlerInnen so rasch verziehen, wie ihre „Papierln“. Die grünäugige Versicherung, der Flohmarkt bliebe erhalten, hat wohl der Frosch erfunden, als er zur Fliege sagte. „Ich hab dich lieb!“

6. Wie werden wohl die Lokale an den beiden Wienzeilen damit leben, dass sie sich einem meterhohen Abhang gegenübersehen (einer Müllkippe eigentlich, wie die Topologie das nahelegt) – statt dem beliebten Blick auf den Flohmarkt. Die HändlerInnen werden wohl nie wieder den Auf- und Abstieg über 15 Meter wagen, zusätzlich zur Überquerung der Wienzeile, wo dann alle rasch durchzischen können. Die Stadtplanung ist inzwischen – selbst in Wien – zur Überzeugung gelangt, dass FußgeherInnen keine Steigungen (mehr) annehmen, um über Autos drüberzusteigen (Zitat MA19 in Anwesenheit Barbara Neuroth). Wird das nicht behirnt oder an die jungen StudentInnen vermittelt?

7. Und die Autos: Glauben die im Ernst, dass die FlohmarktstandlerInnen ihr Zeug 16 Meter (8 Höhenmeter) rauf und runter schieben werden? Da ist wohl eher eine neue Volksgarage geplant. Und da sind wir am Beginn einer neuen Garagendiskussion, die wir schon im Wienfluss begraben glaubten.

PS: Frau Jerusalem freut sich: 40.000 Bienen wollen eine Einflugschneise. Sollte man die nicht vorwarnen („Leider täglich Stau auf der Linken Wienzeile!“)?

Mit angefressenen Grüßen

Erich Dimitz


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