ECHT GRÜN
Die Mariahilfer Alternative

Mariahilfer Platzmängel

04 Jul

Schon letztes Jahr haben wir über die misslungene Neugestaltung des „Mariahilfer Platzls“ beim Westbahnhof berichtet. Fast eine Million Euro hat die Asphaltierung und Verstachelung des Areals gekostet. Das preisgekrönte ursprüngliche Architektenprojekt war nur teilweise verwirklicht worden, die Unzufriedenheit bei den AnrainerInnen war enorm.

Aufgeschreckt durch Zeitungsschlagzeilen wie „Schock über Betonwüste!“ trat die für das Planungsdesaster mitverantwortliche Bezirksvorsteherin die Flucht nach vorne an und verstieg sich dabei sogar zur Aussage, der neue Platz wäre der am besten angenommene des ganzen Bezirks. Mehr noch: Er würde zum „Durchatmen und Besinnen“ anregen.

Angesichts einer derartigen Chuzpe empfiehlt es sich allerdings, erst einmal tief durchzuatmen – und sodann besonnen zu reagieren. Dies tat auch der Journalist Christopher Wurmdobler und schrieb in der Stadtzeitung „Falter“ die folgende Kolumne.

Platzangst

Diese Woche wurde das „Mariahilfer Platzl“ offiziell eröffnet. Nun klingt das so wahnsinnig gemütlich, nach Geborgen- und Zufriedenheit, nach Verweilen statt Eilen. Dabei handelt es sich bei diesem so genannten „Platzl“ tatsächlich um einen beängstigend großen, zugigen Platz, genauer jenen Teil des Europaplatzes beim Westbahnhof, der dann zur Inneren Mariahilferstraße mutiert – und gemütlich ist hier echt nichts.

Statt Architektur, wie vor 20 Jahren ursprünglich geplant, hat man auf dem lange Zeit brachliegenden Gelände nun viele rote Masten und spartanische Sitzgelegenheiten aus Beton angebracht. Dazwischen wurden ein paar Ladungen Asphalt gekippt. Alles, damit sich Menschen mit Platzangst wohl fühlen, toll!

Wer plant denn so etwas? Erwartet man tatsächlich, dass sich auf diesem Parkplatz ohne Autos jemand niederlässt? Entschuldigung, wir klingen fast schon wie die Konkurrenz, aber in einer ohnehin schon ziemlich asphaltorientierten Gegend wie dieser: Hätte man da nicht ein kleines bisschen mehr mit Grünzeug arbeiten können? Immerhin: Die Masten spenden zwar keinen Schatten, aber sie machen auch keinen Laubdreck. Wie praktisch.

Tja. Bleibt noch hinzuzufügen, dass der verschandelte Platz auf Antrag der Mariahilfer SPÖ nach dem früheren Justizminister Christian Broda benannt werden soll. Wir Grünen haben dem wegen seiner unbestreitbaren Verdienste zugestimmt (u. a. Aufhebung der Todesstrafe, rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau, Aufhebung der Strafbarkeit von Homosexualität). Dies geschah in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts – einer Zeit, der die SP heute mangels vergleichbarer Reformen gerne denkt.

Gerade im heurigen Gedenkjahr sollte man allerdings nicht darauf vergessen, dass den Verdiensten von Justizminister Christian Broda die nicht nur von Simon Wiesenthal kritisierte „Kalte Amnestie“ gegenüber steht: Das möglichst geräuschlose Einstellen von Strafverfahren wegen NS-Verbrechen. Die SPÖ wollte so verhindern, dass Freisprüche von des Massenmordes Angeklagten dem Ansehen Österreichs schadeten. Als Vorgesetzter der Staatsanwaltschaften ließ es Broda zu, dass in seiner Amtszeit solche Verfahren meist mit nur geringer Energie und der Absicht der Erfolglosigkeit betrieben wurden. Broda gehörte zu jenen Sozialdemokraten, die sich am massivsten um die „Karriereförderung“ ehemaliger Nazis bemüht haben. Anfang der achtziger Jahre schützte Broda den NS-Arzt und Parteifreund Heinrich Gross (mutmaßlicher Massenkindermörder in der Euthanasieklinik Spiegelgrund) so massiv, dass damals kein Verfahren eröffnet wurde.


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