ECHT GRÜN
Die Mariahilfer Alternative

Fahrende Fehlkonstruktion – Eine Stadtanekdote

04 Jul

An einem schönen Herbsttag im Oktober bzw. im 57A:

Den Bus besteigt eine Frau mit Stock. Die Sitzplätze sind bereits restlos vergeben. Unschlüssig steht sie inmitten der anderen Fahrgäste. Weil niemand auf die glorreiche Idee kommt ihr Platz zu machen, erkundigt sie sich bei jenen vier Frauen, welche die mittels farbiger Piktogramme eindeutig als „Behindertenplätze“ ausgewiesenen Sitzgelegenheiten besetzen: Ob nicht vielleicht eine von ihnen den Sitz räumen und für sie freigeben wolle?

Was für ein Pech! Bei den vielen Fahrgästen im Bus scheint sie ausgerechnet an vier Touristinnen geraten zu sein, die offensichtlich kein Wort verstehen. Vielleicht sind sie aber auch nicht gut bei Gehör, weil ihnen so gar keine Reaktion zu entlocken ist! Aber die Beharrlichkeit der guten Frau macht sich schließlich bezahlt, denn irgendwann gelingt es ihr doch, die Aufmerksamkeit der vier Sesshaften auf sich zu lenken: Mit Händen, Füßen und Stock gestikulierend – und dem Hinweis, dass es sich bei diesem Viererplatz um Behindertenplätze handelt.

Entsetzen macht sich breit, verzweifelte Blicke werden ausgetauscht: Hier beansprucht jemand unseren Platz! Wer muss wohl aufstehen? Endlich bequemt sich jene Dame, die bislang einen der beiden Fensterplätze in Beschlag genommen hat, sich der armen Bestockten zu erbarmen und erhebt sich. Diese wiederum braucht geraume Zeit, bis sie sich durch drei Paar Knie zu ihrem hart erkämpften Platz durchgewurschtelt hat – denn keiner fällt es ein, selbst zum Fenster zu rutschen, um ihr den besser erreichbaren Gangplatz anzubieten. Dass es sich bei den WienerInnen um ein ausnehmend reizendes Völkchen mit geradezu berüchtigtem Charme handelt, ist soweit ohnehin bekannt.

Und statt auf diese Unzustände adäquat zu reagieren, können sich die Wiener Linien trotz mehrfacher Ansuchen bis zum heutigen Tag nicht dazu durchringen, die bereits speziell gekennzeichneten, für ihren Zweck allerdings völlig ungeeigneten Plätze durch solche zu ersetzen, die ohne großen Aufwand zu erklimmen sind.

Der Spießrutenlauf geht also weiter. Weiter warten wir auf die Mitmenschlichkeit unserer Mitmenschen, begleitet von den immer gleichen, honigsüßen „Aufforderungen“, doch BITTE im Bedarfsfall Platz zu machen. Vielleicht wäre ja die folgende Ansage wirkungsvoller: „Wir machen höflich darauf aufmerksam, dass dessen bedürftigen Personen die gekennzeichneten Sitzplätze zu überlassen sind. Widrigenfalls müssen wir Sie ersuchen, den Bus zu verlassen.“

Judith Zach


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