ECHT GRÜN
Die Mariahilfer Alternative

Aus dem Leben eines Mariahilfer Kleinkindes

04 Jul

„Mama, schau, so viele Autos!“ höre ich des Öfteren von meinem Kind, wenn wir uns gerade in Richtung eines der – ohnehin nur spärlich vorhandenen – grünen Fleckchen Mariahilfs vorkämpfen. In ihrem kindlichen Wesen nimmt die Kleine diesen Umstand als gegeben hin – ganz im Gegensatz zu mir, die sich immer wieder darüber ärgert, dass in dieser Stadt den Autos mehr Platz und Rücksicht gewidmet wird als unseren Kindern.

Kinder in MariahilfEin Auto transportiert in Wien im Durchschnitt 1,1 Personen – aber trotzdem beanspruchen diese den Großteil des öffentlichen Raumes! Und ich bin deshalb dazu gezwungen, auf dem Gehsteig die Buhfrau zu spielen: „Nein, du darfst hier nicht mit deinem Roller fahren, das ist zu gefährlich!“ oder „Nein, du darfst deinem (natürlichen) Bewegungsdrang nicht nachgeben und rennen!“ Weil, ja erraten – das ist viel zu gefährlich.

Frustriert im Park angekommen, erkämpft sich Junior einen Platz in der ohnehin schon überfüllten Sandkiste, während die Autos rund um uns gemütlich und unbeengt parken dürfen. Nachdem der wirklich schön gestaltete Park ausreichend bespielt wurde, geht’s dann wieder zurück nach Hause.

Eilenden Schrittes überqueren wir den FußgängerInnen-Schutzweg, denn auch gehbehinderten und kleinen Menschen bleiben dafür nur wenige Sekunden. Schließlich wollen 1,1 Personen ja möglichst schnell ihre Wege zurücklegen – sie zahlen schließlich auch genug dafür…

Im Sommer nach einem anstrengenden Tag mit einem Kleinkind noch ein wenig abschalten und in die Kiste schauen, bei geöffnetem Fenster, in einem in Mariahilf straßenseitig gelegenen Zimmer? Leider Fehlanzeige! Es bleibt nur die Wahl zwischen Fernsehbild mit Straßenlärm oder halt schwitzend dem Ton zu lauschen!

Manchmal ist man schon versucht zu resignieren und zu denken, dass die Vormachtstellung des Autos in einer Stadt eben in Kauf zu nehmen ist. Aber nein: Autos und der Genuss der Vorzüge des Stadtlebens bedingen einander keineswegs, wie uns das die Autolobby gerne glauben machen möchte! Nirgendwo sind die öffentlichen Verkehrsmittel derartig gut ausgebaut wie in den Städten. Das würde es uns ermöglichen, kompromisslos auf Blech-Individualverkehr zu verzichten – und als gelegentliche Land-Urlauberin muss ich das wissen.

Zugegeben, Mariahilf ist sicherlich nicht der schlechteste Platz, an dem man aufwachsen kann. Nichtsdestotrotz wäre es durchaus möglich, diese Stadt (und damit auch Mariahilf) mittels geänderter Prioritätensetzung zu einem Ort mit höherer Lebensqualität zu machen – und zwar nicht nur für die lieben Kleinen!

Susanne Pircher


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